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Walter Gödden in: WESTFALENSPIEGEL, 5/2005

LYRIK WANDERN
Gedichte des Soester Lyrikers Arnold Leifert auf Wegen im Bergischen Land

Wo um alles in der Welt liegt Much? Und wie kommt Much in den Westfalenspiegel?
Ein Blick in Flyer, Begleitheft, Zeitungsartikel und Promo-CD hilft uns auf die Sprünge. Much ist eine kleine Gemeinde im Bergischen Land. "Bergisch schön" wirbt die ortseigene Webseite. Tourismus wird hier groß geschrieben: "Sanfte Hügel, weit geschwungene Täler, große Wiesen und ausgedehnte Wälder sind es, die die malerische Landschaft um Much ausmachen." Auf dem Gemeindegebiet befinden sich nicht weniger als 112 Dörfer, Einzelhöfe und Weiler. Traditionen, Legenden, Wallfahrten und Mythen sind lebendig geblieben. Ort und Gegend haben etwas Archaisches, Hutzeliges. Der Ortsname geht auf das mittelhochdeutsche Wort "muchen" zurück, womit "verstecken" gemeint war. Um das Hinterwäldlerische aber nicht zu dick aufzutragen, verweist der Ort darauf, dass es bis Bonn nur 30, bis Köln 40 und bis zum nächsten Autobahnanschluss (A 4) nur 10 Kilometer sind. Die Entfernung zum nächsten Punkt auf der westfälischen Landkarte beträgt rund 30 Kilometer. Unter dem Punkt "Wanderungen" kommen wir endlich der Frage näher, was den Ort mit Westfalen verbindet. Es ist von einem gut ausgeschilderten Wanderwegenetz von rund 110 Kilometern Länge die Rede, dessen Schmuckstück der so genannte "Panorama-Rundweg" ist - ein Rundkurs, der an den landschaftlichen Reizen rund um Much teilhaben lässt. Seit kurzem ist er um eine Attraktion reicher und präsentiert sich nun als "Lyrikweg Much": Auf der rund zweieinhalbstündigen Tour kann man an zwölf ausgesuchten Punkten Gedichte des Soester Autors Arnold Leifert (Jg. 1940) lesen, eines Stammautors des Westfalenspiegels. Leifert lebt seit 1973 in Much auf einem ehemaligen Bauernhof. Er war tatsächlich ein Dissident, der - damals noch Lehrer - aus Köln floh, um sich hier - aus Naturverbundenheit, aber auch aus Trotz gegenüber den Auswüchsen der Zivilisation - nach eigener Vorstellung einzurichten. Und fast zwangsläufig spielen seit den 80er-Jahren Natur und Landschaft in seinen Texten eine immer zentralere Rolle. Als Naturlyriker gelang Leifert nach Jahren publizistischer Abstinenz 1994 mit dem Band "Damit der Stein wächst" ein viel beachtetes Come-back. Es folgten "wenn wach genug wir sind" (1997), "Bleibt zu hoffen der Schnee" (2002) und das Audiobook "Brennesselreservate" (2004) mit der Akkordeonistin Cathrin Pfeifer. In seinen Texten fragt Leifert nach den Axiomen menschlicher Existenz. Er entlarvt die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft, in der das Laute, das Marktschreierische alles übertönt. Leiferts Texte sind dagegen ver halten und dadurch nach haltig . Die Idee des "Lyrikwegs" stammte von einem Nachbarn Leiferts. Der MuchMarketing Verein stieg ein, fand Finanziers und Sponsoren. Und ist nun begeistert, dass der Geistesfunke zündete und Much ein touristisches Markenzeichen mehr hat. 160 Besucher beim Eröffnungsfest (Sept. 2004) und meist bis zu 50 Personen und mehr, die an den speziell angebotenen Lyrik-Wanderungen mit abschließendem Kamingespräch teilnehmen. Dass auf den durchsichtigen Plexiglas-Tafeln ausschließlich Naturlyrik präsentiert wird, verleiht dem Ganzen eine besondere Note. Hier erlebt eine vermeintlich totgesagte Gattung   eine Renaissance. In der puren Natur entfalten die Texte eine eigene Aura. Die Inszenierung funktioniert perfekt. Der Text nimmt sich gegenüber der Naturkulisse zurück, die Buchstaben scheinen vor der Landschaft zu schweben. Was freilich auch an der Leichtigkeit der Verse selbst liegt - die dennoch weit davon entfernt sind, dem Betrachter eine heile Welt zu suggerieren. Im Gegenteil: Leiferts Texte beschwören zwar die Kraft der Natur, zeigen jedoch, durch die ständige Spiegelung der menschlichen Existenz in ihr, wie gefährdet gerade diese Natur heute ist. So sind seine Texte eher "Warnsignale", um den Titel einer jüngst neu aufgelegten Sammlung Leiferts mit politischer Lyrik aufzugreifen ("Signale im Verteidigungsfall", 2004). Inmitten stiller Waldwege, abgeschiedener Viehweiden, sprudelnder Bäche und markanter Ausblickspunkte mahnen Leiferts Verse, innezuhalten, "sich (zu) verbünden mit dem was noch ist", d. h. Natur wieder wahrzunehmen als Grundlage und Bedingung allen Lebens auf unserem Planeten. Wie in dem Gedicht "Poesie": "Tage / an denen du / leise / auftrittst // um das Sein / der Dinge / nicht zu gefährden." Der Autor lässt es sich übrigens nicht nehmen, bei den Lyrik-Wanderungen selbst als "Reise-Führer" mit dabei zu sein. Es sei, wie er sagt, eine völlig neue Erfahrung, dem "Schreibtischtäter-Dasein" auf diese Weise zu entkommen. Und es mache ausgesprochenen Spaß mitzuerleben, wie Lyrik hier - im Vergleich zur herkömmlich inszenierten "Dichterlesung" - neue Räume erobere, eigene und fürs Publikum, das das Angebot solch ungewohnt intensiver "Literatur-Begegnung" dankbar annimmt.

 

 

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